Autos in der Stadt: Es geht nicht um die Umwelt, es geht um uns

by Paul Balzer on 11. April 2014

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Wenn man kritisches über Autos ließt oder hört, dann geht es eigentlich immer um die Abgase: Umweltzone, Feinstaubplakette, Abgasnorm, Rußpartikelfilter usw.

Dieses Problem ist meiner Meinung nach überhaupt nicht der Punkt, wie ich des öfteren schon bemerkt habe:

  1. Umwälzzone oder Umweltzone: Sinn und Unsinn der Feinstaubmessung
  2. Abgasgrenzwerte und Verbraucherinteresse: Das Henne/Ei Problem
  3. Verbrennung von Kraftstoff und Luft

Ein Podcast von Deutschlandradio Kultur Zeitfragen, beleuchtet das eigentliche Problem des Autos in der Großstadt:

Die Stadt ist für Menschen da, nicht für Autos

Als ich den Podcast hörte, zuckte ich auf einmal zusammen, denn mir wurde plötzlich klar, dass da etwas sehr wahres gesagt wurde:

Das Auto beeinflusst aber auch die Stadt und ihre Anwohner auf eine sehr intime Art und Weise. Das geht ins Körperliche rein, ins Psychologische. Kinder erleben heute den öffentlichen Raum als Gefahr. Als permanente Zone, wo sie hier nicht hindürfen, da nicht hindürfen. Lauf da nicht, guck da, pass auf!. Wenn der Autoverkehr nicht wäre, wäre der öffentliche Raum viel freier. – Martin Herrndorf

Man kann als Großstädter sein Kind praktisch nicht mehr allein vor die Tür lassen, denn die nächste Straße ist keine 100m entfernt. Wer im Berufsverkehr mit Fahrrad oder zu Fuß unterwegs ist, der merkt wie aggressiv die Menschen sich im Auto bewegen. Überhaupt nicht auszumalen, wenn ein Kind, was gerade Fahrradfahren lernt, einen Fehler macht und vielleicht schlänkert oder umkippt. Die Sicherheitsabstände, Geschwindigkeiten etc. sind lebensgefährlich.

Das Auto ist dem menschlichen Körper wahnsinnig überlegen. Ein Zusammenstoß ist nicht im Ansatz fair für den Menschen, der vielleicht einen Fehler gemacht hat, aber das sollte er doch dürfen, es ist ja seine Stadt.

Vor lauter Begeisterung über die Vorzüge des Autos habe die Gesellschaft seine Nachteile billigend in Kauf genommen und alle anderen Mobilitätsformen wie das Fahrradfahren und Zufußgehen völlig außer acht gelassen.

Ideologie

Nun ist es natürlich berechtigt, dass in Deutschland ein entsprechender politischer Wille zur Bevorzugung des Autos vorhanden ist, schließlich trägt das Auto einen Großteil unseres Wohlstands. Demzufolge wird es nie eine ideologiefreie Stadtplanung bzw. Entscheidung dazu geben, wie Martin Randelhoff ausführlich erläutert: Die Mär einer ideologiefreien Stadt- und Verkehrsplanung.

In einer Demokratie muss folglich in einem Spannungsfeld aus Individualismus und kollektivem Recht auf Unversehrtheit eine Entscheidung über die Ausrichtung des Verkehrs und einer ganzen Stadt getroffen werden. – Martin Randelhoff

Und dabei geht es mir nicht um die Abgase oder ähnliche Argumente, es geht schlichtweg um den Raum, der durch das Auto und die dazu nötige Infrastruktur benötigt wird.

Verkehrsraumbedarf-Bus-PKW

Man kann auch noch etwas detaillierter rechnen und vor allem den ruhenden Verkehr (also die Zeit, die das Auto irgendwo geparkt ist) dazu rechnen, dann wird es noch offensichtlicher, siehe: Wie viel Platz brauchen Bus, Auto, Fahrrad in der Stadt?

Auf’s Auto verzichten

Nein. Wieso sollte ich? Den schweren Einkauf tragen oder Freunde besuchen fahren, das klappt mit dem Auto am besten. Das Problem ist der tägliche Weg: Die Arbeit ist 20km weg vom Wohnort, weil es geht, man hat ja ein Auto. Man fährt an den Stadtrand zum einkaufen, weil es geht, man hat ja ein Auto. Man fährt die Kids mit dem Auto in die Kita, weil es geht, man hat ja ein Auto.

So kommen die Kilometer zusammen. Und da muss man tatsächlich mal überlegen, ob es nicht hier oder da eine Möglichkeit gibt, Alternativen (Fahrrad, ÖPNV, CarSharing, Mitfahrgelegenheit, …) zu wählen.

„Die Kinder rennen auf die Straße und rufen autofreier Sonntag! und freuen sich, dass sie mal einen Tag nicht an der Leine sind. Und dieses Gefahrbewusstsein, dieses Ausgesetztsein einer im wahrsten Sinne des Wortes Lebensbedrohung zu jeder Minute, die man sich zum Beispiel als Radfahrer im Straßenverkehr bewegt, ist was, was unser Bild vom öffentlichen Raum und unser Verhalten im öffentlichen Raum sehr stark prägt.“ – Martin Herrndorf 

Car-Free City Gets People’s Vote from The Bike In My Life on Vimeo.

Titelbild „Parkplatz 2“ unter CC BY-NC-SA 2.0 Lizenz von Flickr.com von Harry Fichtner

2 Comments

  1. Mir ist, als ob das Auto nur Symptom, nicht Ursache der Ideologie ist. Die „Autoideologie“, wenn man es so nennen will, basiert auf der paradoxen aber auch logischen Verbindung von Freiheit mit Geschwindigkeit.
    Getrieben von mehr und komplexeren Anforderungen, versucht der „moderne Mensch“ diese möglichst schnell zu erfüllen. Wege, die nicht produktiv oder zur Erfüllung der Anforderungen genutzt werden können, sollen in möglichst kurzer Zeit bewältigt werden. Schnelle Fortbewegung ist da praktisch.
    Gleichzeitig wird die Freiheit als hohes Ideal, sowie Paradies- und Glücksersatz stilisiert. Dorthin können, wo immer man will: Diese Freiheit zu erreichen und für sich zu bewahren, scheint für Viele obligatorisch. Eine Maschine, die sich selbst bewegt und die Bewegungen des freien Menschen unterstützt, muss her! Ein Auto.

    Ein Fahrrad tuts notfalls auch. Und wie man auf dem Elbradweg sehen kann, haben auf Kinderrädern wackelnde Kids bei dieser Ausprägung der Geschwindigkeits- und Freiheitsideologie auch nichts zu lachen.

    Paul Virillio hat das bestimmt so ähnlich auch mal gesagt oder geschrieben. http://en.wikipedia.org/wiki/Paul_Virilio#Dromology – Vielleicht ist seine Aussage zum Raum die Antwort auf die Frage, warum wir es zulassen, dass Autos viele Teile der Städte blockieren.

    Auch noch ein interessanter, künstlerischer Beitrag zum Thema Raum und Autos: http://en.wikipedia.org/wiki/The_Cars_That_Ate_Paris

    just my 2 cents

    1. Richtig, wer im Gefängnis sitzt braucht kein Auto, das Auto ist tatsächlich ein wesentlicher teil der tatsächlichen Freiheit, und der viel kritisierte ADAC Slogan “ Freie Fahrt für frei Bürger“ ist richtig……. Aber selbstverständlich sind die Nachteile eklatant und so muss daran gearbeitet werden; keine neue Idee! Ein gutes Beispiel sind die Unfallzahlen bei denen Tote zu beklagen sind. Seit Beginn der Motorisierung fallen die spezifischen werte, also Tote pro Milliarde Personenkilometer…… Dies ist bedingt durch eine Vielzahl von Maßnahmen, die hier nicht aufgeführt werden müssen. Aber Fahrrad fahren ist viel gefährlicher! und Menschen die sich mit dem PKW so einigermaßen an Regeln halten tun das mit dem Fahrrad viel weniger usw. Auch die Vorstellung „Früher war alles besser“ ist nicht wirklich wahr den Pferde sind auch durchgegangen, und Kutschen die mit ihren schmalen Stahl- bereiften Rädern Menschen überrollen sorgen auch für massive Verletzungen……. Und dass es für Kinder Verbotszonen gibt, das ist nicht neu und auf jedem Bauernhof der Fall…. Nur entkräftet das nicht die Forderung es in Zukunft besser zu machen! Besser heißt Fußgänger Radfahrer und Autofahrer auf unterschiedlichen Wegen zu führen, sie komplett zu trennen. Das haben wir heute in jedem Kaufhaus. man fährt in die Tiefgarage , nimmt den Aufzug unter Verzicht auf das Auto und findet sich in den Verkaufsräumen wieder… Wir finden das auch in vielen Städten, in denen viele kleine Straßen im Zentrum für PKW zu schmal sind, kleine Städte in Italien, aber auch größere Städte, Palma ist da ein Beispiel…. Fußgänger können durch Arkarden geschützt werden, mit kleine 80 cm hohen Mauern zur Straße, Das bedeutet Regenschutz für die Schaufenster-Bummler, im Süden auch Sonnenschutz und zusätzliche Geschossflächen eine Etage höher! Man kann die Fußgänger auch gleich eine Etage höher verlegen und den in dieser ebenen die Straßen via Bücke kreuzen lassen…… Mehr als Parkhäuser und Hauptstraßen bracht man in der Stadt Typisch nicht, wobei klar wird dass die Versorgung der Geschäfte auf der Straßen Ebene günstiger ist, wenn dort nicht Schaufenster und Verkaufsräume untergebracht werden müssen…. Warenanlieferung so wie in China, mit Lastendreirädern und einem schmächtigen Chinesen als Antrieb oder Lastenträgern unter dem Joch, und Sänftenträgern für die feineren Herrschaften erscheint auch nur bedingt mit einer freien Gesellschaft zu harmonieren, Wer will schon unterjocht sein und schwere Lasten schleppen, wen man doch eine Kleinlaster fahren kann? usw. Kritik sollte konstruktiv sein, sollte auf Erfahrungen mit anderen Lösungen der frage aufmerksam machen und gelegentlich etwas neues vorschlagen, Das ist die Aufgabe der Ingenieure!

      Sie zeigen etwas realisieren etwas und warten die Akzeptanz durch die Gesellschaft ab! der PKW ist durch die Gesellschaften weltweit akzeptiert, sehen wir zu dass wir uns über Nachteile Gedanken machen und Lösungen vorschlagen!

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