Öl wird niemals aufgebraucht sein

by Paul Balzer on 27. September 2012

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Während des Studiums Fahrzeugtechnik ist das Fach Verbrennungsmotoren natürlich ein wichtiger und großer Teil. Unser Professor sagte damals:

Das Erdöl der Welt ist in 50 Jahren aufgebraucht

Diesen Satz hat der Professor von seinem Professor ungefähr vor 50 Jahren auch schon gehört, sagte er uns. Das waren grobe Schätzungen, welche immer von Generation zu Generation weiter gegeben wurden. Die Studie „Peak Oil“ ist nun der Beweis, das Fördermaximum ist seit 2006 überschritten.

„Peak oil ahead“ von flickr.com User Viktor Hertz

Somit dürfte klar sein, dass das Erdöl irgendwann aufgebraucht ist und wir einfach nichts mehr haben, was wir verbrennen können oder für die Plaste- bzw. Kosmetikherstellung nutzen können. Doch ich möchte mal eine These formulieren: Öl wird niemals aufgebraucht sein, wir haben aber ein ganz anderes Problem.

Angebot und Nachfrage

Erdöl wird, wie jedes Gut, an Märkten gehandelt. An Märkten entsteht ein Preis aus Angebot und Nachfrage. Das Angebot an Rohöl wird durch die natürlichen Vorkommen und deren wirtschaftliche Förderung, den daraus entstehenden Anstrengungen und dem Erfolg bestimmt. Aber auch durch taktische Mengenänderungen der Erdöl-exportierenden Ländern kann der Preis gesteuert werden.

Die neoliberale, globalisierte Weltwirtschaft hat ein stetiges Wachstum als Ziel, welches, ähnlich wie der bekannte Zinseszinseffekt, eine e-Funktion für Umsatz, Gewinn oder auch Bruttonationaleinkommen erzeugt. Sollte das nicht eintreten, wird eine Gewinnwarnung vermeldet. Da das Öl der Grundstoff von nutzbarer Energie in unserer heutigen Zeit ist, steigen die benötigten Mengen ähnlich an. Im Falle einer Wirtschaftskrise sinken auch die benötigten Mengen und entsprechend nach Angebot und Nachfrage auch der Preis. Beispielhaft kann man das schön durch die Einflüsse der Bankenkrise auf den Ölpreis 2008-2009 sehen. Der steigende Bedarf aber die begrenzten bzw. rückläufigen Fördermengen ergeben natürlich einen Preisanstieg.

Die Steinzeit hat nicht aufgehört aus dem Mangel an Steinen. So wird das Erdölzeitalter nicht aufhören aus dem Mangel an Öl, sondern weil die Konsumenten Alternativen haben wollen. – Christoph Rühl, Chefökonom BP

Der Konsument wird sich also, auf Grund des hohen Preis für Produkte, die aus Erdöl hergestellt werden, Alternativen suchen (müssen). Es wird sich in den kommenden Jahrzehnten ein neues Gleichgewicht aus Angebot & Nachfrage auch mit konkurrierenden Energiequellen (Wind, Solar, Gezeiten, usw.) einstellen. Alle ist das Öl deshalb noch lange nicht! Auch eine Peak-Oil Studie ist nur eine Verlängerung der aktuellen Situation auf zukünftige Zeiten und wenn der Preis steigt, dann werden vorher überhaupt nicht relevante Fördergebiete plötzlich attraktiv. Leider führt das zu unschönen, rücksichtslosen Situationen, wie der Suche in der Arktis oder dem Extrahieren aus Teersand, welches enorme Energie- und Trinkwasserressourcen benötigt.

Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen

Es ist gut und richtig, dass alle möglichen Alternativen zur Energieerzeugung erforscht, getestet und genutzt werden, denn das Öl wird einfach zu teuer, sowohl für Staaten als auch für den Einzelnen, denn wir merken es vor allem bei den Kraftstoff- und Heizkosten. Ein paar Gedanken zu den derzeitigen Kraftstoffpreisen hat Martin Randelhoff niedergeschrieben, die ich auch teile.

Die Energiefalle

Das Problem der ganzen Alternativen Energiequellen ist folgendes: Eine so hohe Energiedichte wie aus Derivaten aus Erdöl, ist nicht mehr zu bekommen. Man spricht von einem „Erntefaktor“ oder „Energy Return on Energy Invested“, wenn man eine bestimmte Energie investieren muss um Energie zu bekommen. Zu Beginn der Erdölförderung war dieser Faktor 100:1, das heißt für die Bohrtürme und Pumpen etc. musste 1 Einheit Energie eingesetzt werden um 100 Einheiten Energie zu bekommen. Heutzutage sieht das mit 5:1 schon etwas schlechter aus. Getoppt von Teersand mit 4:1 oder Braunkohleverflüssigung mit 1.6:1. Mit diesen Zahlen kann man nun ein paar Berechnungen anstellen, wie es Prof. Tom Murphy von Do the Math getan hat. Die deutsche Übersetzung ist im Peak-Oil Blog zu finden. Zusammenfassend kann man das in etwa so:

  • die Energiequellenumstellung wird sehr sehr sehr viel Energie benötigen
  • sie kann nur funktionieren, wenn noch ausreichend „billige“ Energie vorhanden ist
  • ein stabiles wirtschaftliches, harmonisches Kräfte bündelndes Umfeld ist notwendig

Einzige Möglichkeit: Reduktion

Letztendlich bleibt nur, die Nachfrage nach Energie im Allgemeinen zu senken, aber das ist wirklich schwer und vor allem ist ein kultureller Wandel nötig.

  • Mitfahrgelegenheiten nutzen (flinc, Mitfahrgelegenheit für jeden Tag z.B.)
  • kein neues Auto kaufen nur weil es 0.3L/100km weniger verbraucht (Herstellungsenergie ist immens!)
  • den PC nicht laufen lassen wenn man 2h weg ist
  • muss die Mediastation zu Haus dauerhaft an sein?
  • muss der NAS immer zur Verfügung stehen?
  • muss man unbedingt zum Meeting fliegen wenn man auch facetime/Skype nutzen könnte?
  • muss man unbedingt Tomaten aus Spanien kaufen welche durch halb Europa gefahren wurden?
  • muss man täglich 30km zur Arbeit pendeln?
  • diese Liste kann in den Kommentaren gern erweitert werden…

Das sind alles mini-Veränderungen, die man treffen könnte ohne dass es einem weh tut, aber die Summe macht es dann eben, denn wir sind sehr viele kleine Energieverbraucher, die auf der Erde leben.

[Update: Das Video zeigt die zwei Vorträge, von Christoph Senz, Geologe, PFI, ASPO und Norbert Rost, Wirtschaftsinformatiker, Büro für postfossile Regionalentwicklung, PFI. Danke Norbert!]

5 Comments

  1. Öl wird niemals „aufgebraucht“ sein, das ist wahr, aber nicht unbedingt beruhigend. Denn es gibt mehrere Gründe, warum dies so sein kann:

    a) Vernunft. Wir lassen das Zeug im Boden, weil wir es so wollen.
    b) physikalische Notwendigkeit: Die Förderung erbringt weniger Energie als sie kostet (ERoEI<=1)
    c) ökonomische Notwendigkeit: Die in Geld gemessenen Kosten sind höher, als die erzielbaren Erlöse.

    In jedem Fall wäre es hilfreich, es gäbe alternative Strukturen, die nutzbar sind. Die am Artikelende vorgeschlagenen Gedanken kann jeder individuell einsetzen, aber das wird wenig ausmachen, wenn es nicht auch systemische Änderungen gibt. Für uns in Dresden heißt das vor allem: Umdenken in Fragen der Verkehrsentwicklung und der Stadtplanung – Strukturen schaffen, die ohne Öl nutzbar sind. Da Peak Oil bislang nur sehr dezent in der Stadt diskutiert wird, gibt es bislang keine umfassende Anpassungsstrategie. Vielleicht sollten mal ein paar Stimmen dieses Problem in die Zukunftsvisionen der Oberbürgermeisterin einwerfen: http://www.dresden.de/de/08/01/stadtentwicklung/integrierte_stadtentwicklungsplanung/zukunft-dresden-2025-plus.php

    Der Vortrag von Christoph Senz (im Artikel verlinkt als "Studie") ist zu Teilen auch online anzuschauen. Aufgenommen in Dresden:
    http://www.youtube.com/watch?v=1q1ZUsmBKyU

  2. Interessant finde ich auch den Gedanken, wie sich die Wirtschaft künftig entwickeln wird, wenn nach und nach die Mobilität immer stärker eingeschränkt wird. Dabei geht es mir primär nicht nur um die Kraftfahrzeuge, die viele zu Hause in der Garage stehen haben. Es sind beispielsweise die Schiffe oder Flugzeuge. Die Raumfahrt wird dann wahrscheinlich für eine gewisse Zeit komplett ruhen.

  3. > „Eine so hohe Energiedichte wie aus Derivaten aus Erdöl, ist nicht mehr zu bekommen.“
    Eigentlich schon, aus Algenöl beispielsweise. Schon möglich, derzeit aber noch viel zu teuer: Interessante Deutchlandfunk-Sendung zu diesem Thema ist „Wissenschaft im Brennpunkt: Warten auf ein grünes Wunder“: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/wib/1871017/

    Aber generell stimme ich dem Tenor dieses Blogbeitrages zu. Man sollte vom Öl wegkommen, so gut und so früh es halbwegs sinnvoll geht. Vor allem das Verbrennen für unserer ungebremmste Mobilität ist eigentlich Frevel. Denn Öl ist in vielen Dingen viel viel wichtiger und zu großen Teilen noch unersetzlich. Vor allem in der Kunststoffindustrie und auch der Pharmaindustrie (die Ummantelung von Kapseln etc.).

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